Digital braucht Sozial - Ausgabe 2


Hallo Reader,

willkommen zur zweiten Ausgabe von Digital braucht Sozial.

Bevor wir einsteigen, erlaube ich mir einige persönliche Zeilen: Gerade für Menschen, die im zivilgesellschaftlichen und sozialen Bereich arbeiten, kann die aktuelle Lage - sowohl in Deutschland als auch global - frustrierend und besorgniserregend sein.

Es wäre einfach, angesichts all der aus meiner Sicht rückwärtsgewandten Veränderung zynisch zu werden. Meine Bitte: Tut das nicht!

Wir brauchen Optimismus und Zuversicht mehr denn je zuvor. Der Zivilgesellschaft und der Sozialen Arbeit stehen in den nächsten Jahren große Herausforderungen bevor.

Doch unsere gemeinsame Arbeit - egal in welchem Bereich und Arbeitsfeld - wird dringender gebraucht denn je. Wir werden viel ausgleichen müssen, was die Politik, so fürchte ich, sozial ignorieren oder depriorisieren wird.

Lasst uns noch engere Netzwerke aufbauen und uns noch mehr austauschen. Gemeinsam schaffen wir auch die größten Herausforderungen - und halten Optimismus und Zuversicht am Leben.

Optimistische Grüße,

Christian


💡 Kommunikation mit Fokus: Lasst uns FÜR Themen stehen

In den letzten Wochen und Tagen vor der jetzt eine knappe Woche zurückliegenden Bundestagswahl waren Kommunikator*innen sozialer und zivilgesellschaftlicher Organisationen schwer gefordert. Fast täglich gab es Aussagen oder Entwicklungen von politischen Parteien, auf die reagiert werden musste.

Viele Kampagnen und Reaktionen waren super, doch eine Entwicklung, die sich durch fast alle Organisationen zog, beunruhigt mich auch jetzt noch: Es gab immer mehr Kommunikation GEGEN Aussagen und Positionen, immer weniger FÜR Themen und Werte.

Klare Werte, klare Position

Versteht mich bitte nicht falsch, natürlich musste so mancher falschen oder gefährlichen Aussage widersprochen werden. Doch im Laufe der Zeit wirkte es auf mich so, als würden soziale und zivilgesellschaftliche Organisationen reflexartig gegen problematische Aussagen Position beziehen.

Darin liegt aus meiner Sicht eine ganz grundlegende Gefahr:

Wenn wir nur noch gegen Personen, Parteien oder Positionen kommunizieren, lassen wir uns treiben und verlieren unser Profil und unsere Wertebasis!

Lasst mich das an einem Aspekt der unsäglichen Migrationsdebatte verdeutlichen.

Als die Forderung nach pauschalen Zurückweisungen an der Grenze aufkam, habe ich bei vielen sozialen Organisationen Varianten der folgenden Meldung gelesen:

"Pauschale Zurückweisungen verstoßen gegen europäisches Recht und die Menschenrechte. Wir fordern XYZ dazu auf, diese Haltung zu ändern und sich auf die wahren Probleme zu fokussieren."

Ich verstehe, warum viele Meldungen diesen Tenor hatten und klare Haltung gegen diese Forderungen zeigen wollten. Doch wenn wir dieses Muster zur Normalität werden lassen, woFÜR stehen wir dann?

Der aus meiner Sicht bessere Ansatz, den auch zahlreiche, jedoch weniger, soziale und zivilgesellschaftliche Organisationen war FÜR Menschenrechte und Migration:

"Für uns bei ABCD gilt: Die Menschenwürde ist unantastbar. Menschen, die zu uns fliehen, verdienen unseren Schutz und unsere Gastfreundschaft. Wir setzen uns weiter für eine offenen und vielfältige Gesellschaft ein und laden alle Organisationen, Parteien und Entscheider*innen dazu ein, diesen Weg gemeinsam zu gehen."

Die inhaltliche Aussage ist aus meiner Sicht, vor allem durch den zeitlichen Kontext, auch hier klar. Aber sie ist nicht konfrontativ, nicht einfach nur GEGEN etwas, sondern sie vermittelt die Werte, Mission und Haltung der Organisation FÜR die Menschen.

Klarer Widerspruch ist wichtig - die eigene Agenda noch wichtiger

Nur damit das nicht falsch rüberkommt: Natürlich gibt es Situationen, in denen wir klar widersprechen und manchmal auch die Adressat*innen dieses Widerspruchs klar benennen müssen. Doch die Fälle, in denen das absolut nötig ist, sind selten.

Klare Position zu beziehen, zu widersprechen und dennoch deutlich zu machen, woFÜR wir stehen, halte ich für entscheidend.

Auch deshalb, weil wir - vor allem in einer Zeit, in der fast täglich eigentlich sicher geglaubte gesellschaftliche Grundlagen infrage gestellt werden - uns nicht von den Entwicklungen treiben lassen dürfen. So schwer es auch fällt:

Je unruhiger und hektischer die Zeit wird, desto wichtiger ist es, dass wir unsere kommunikative Agenda setzen, nicht über jedes medial hingehaltene Stöckchen springen und vor allem nicht zur Fundamentalopposition und Dauerkritiker*innen werden. als soziale und zivilgesellschaftliche Organisationen und Kommunikator*innen stehen wir FÜR klare Positionen, Werte und Menschen. Lasst uns das immer sichtbar machen.

Menschen, Organisationen und Medien, die die Welt in den düstersten Farben zeichnen, gibt es schon genug. Sowohl die Kolleginnen und Kollegen in unseren Organisationen als auch unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger und die Menschen, für die wir als Organisation stehen, haben ein Recht darauf, dass wir positiv und konstruktiv agieren und kommunizieren.


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✅ Aktuelle Entwicklungen

1. Klare Empfehlung in Zeiten von Hatespeech und Co.: Legt euch professionelle Social-Media-Management-Tools zu

Für meine eigene Kommunikation nutze ich swat.io*. Beim Caritasverband, für den ich aktuell arbeite, nutzen wir socialhub.io. Beide Tool-Anbieter sitzen in Europa, was ich angesichts der Entwicklung in den USA auch zu schätzen weiß.

Doch bei dieser Empfehlung hier geht es nicht um ein konkretes Tool - wenn ihr eine Empfehlung wollt oder ich euch Kontakt herstellen soll, schreibt mich gerne an - sondern um den grundlegenden Einsatz professioneller Social-Media-Management-Tools.

Mir ist klar, dass die Geld kosten und das Budget oft knapp ist. Dennoch empfehle ich euch, euch auf die Suche zu machen und eines anzuschaffen. Meine drei Hauptargumente für diese Empfehlung:

  1. Erleichtertes Community Management: Mit einem professionellen Tool habt ihr alle Kommentare, Nachrichten und Erwähnungen, soweit es die API zulässt, an einer Stelle. Das macht die Reaktion und Kommunikation deutlich einfacher.
  2. Bessere Barrierefreiheit: Die meisten Tools haben inzwischen Optionen wie automatisch erstellte Alttexte für Bilder und Ähnliches implementiert. Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit, macht die barriereärmere Kommunikation meiner Erfahrung nach im Alltag aber deutlich leichter.
  3. Effizientere Content-Planung: In allen professionellen Social-Media-Tools könnt ihr Inhalte planen und freigeben lassen. So können Fachreferentinnen und -referenten beispielsweise Inhalte aus ihrem Bereich als Entwurf anlegen, der dann von euch überarbeitet und optimiert wird. Das vereinfacht den Weg von der Idee zum fertigen Beitrag und zur Planung deutlich.

Wenn ihr diese Argumente nachvollziehen könnt, jedoch etwas stichhaltigeres für Nicht-Kommunikator*innen braucht: Professionelle Social-Media-Management-Tools amortisieren sich meiner Erfahrung nach meist innerhalb von sechs Monaten.

Klar, sie kosten Geld, doch was ihr, nach der Einführungsphase, an Arbeitszeit und Nerven spart, gleicht diese Kosten - sowohl finanziell als auch durch den Zugewinn von Freude an der Arbeit und dadurch gesteigerter Kreativität - deutlich aus.

*Disclaimer: Ich habe eine Partnerschaft mit swat.io und schätze es sehr, bekomme aber kein Geld für die Empfehlungen und bin auch nicht an Vorgaben gebunden. Ich mag das Tool einfach sehr.

👍 Handlungsempfehlung

Auch wenn es euch bisher unnötig schien: Macht euch bitte auf die Suche nach einem passenden Social-Media-Management-Tool. Viele deutsche und europäische Anbieter haben für kleinere NGO spezielle Tarife und bieten generell Rabatte für gemeinnützige Organisationen an.

Wenn ihr dabei Support wollt oder einfach an Erfahrungsaustausch interessiert seid: Meldet euch gerne. Ich unterstütze euch da jederzeit kollegial.


2. Europäische KI ist konkurrenzfähig

Den französischen KI-Anbieter Mistral gibt es schon länger, doch der bereitgestellte KI-Assistent "Le Chat" war bis vor kurzem schlicht nicht konkurrenzfähig. Mit den aktuellen KI-Modellen hat sich das jedoch deutlich geändert.

Ich habe vor circa drei Wochen meine KI-Arbeit online von ChatGPT und Claude zu Le Chat verlagert und kann sagen: Im Alltag ist es definitiv auf dem gleichen Level und sehr gut nutzbar.

Klar, es fehlen noch individuelle GPT - mein größter Kritikpunkt - und Deep Search Fähigkeiten gibt es auch nicht. Doch für Letztere nutze ich ohnehin Perplexity, das ich deutlich besser finde als die Deep Search Funktion von ChatGPT:

Warum europäische KI nutzen?

Neben dem naheliegenden Datenschutzargument ist für mich vor allem die strategische Planbarkeit entscheidend. OpenAI pflegt eine enge Verbindung zur aktuellen US-amerikanischen Regierung und für mich ist alles andere als sicher, wie sich das Unternehmen entwickeln wird.

Mistral ist zwar nicht so gut finanziert wie OpenAI, welches europäische Unternehmen ist das im KI-Bereich schon, doch sie stehen solide da und entwickeln ihr Angebot kontinuierlich weiter.

Außerdem brauchen wir meiner Meinung nach nicht noch mehr Monopole. Daher nutze ich gerne europäische Alternativen - wenn diese brauchbar sind. Le Chat ist das inzwischen definitiv.

👍 Handlungsempfehlung

Schaut euch Le Chat einfach mal selbst an und testet den KI-Assistenten in eurer Arbeit. Nehmt euch zwei bis vier Wochen Zeit und wechselt bei den Aufgaben, bei denen das problemlos möglich ist, zu Le Chat.

Notiert euch eure Eindrücke und Erkenntnisse und zieht nach der Testphase eure Schlüsse. Selbst wenn ihr nicht alles zu Le Chat umziehen könnt - eigene GPTs fehlen leider spürbar - könnt ihr doch sicherlich einen großen Teil eurer Arbeit verlagern.

Schon aus der Perspektive der Risikoverteilung ist das sinnvoll.


3. Sucht und schafft alternative Vernetzungsräume

In der ersten Ausgabe dieses Newsletters habe ich dazu aufgerufen, Alternativen wie Mastodon und Co. schrittweise zu nutzen und sich langsam einen Plan B für Instagram und andere US-Plattformen aufzubauen.

Heute lade ich euch dazu ein, den gleichen Ansatz für die Vernetzung und den kollegialen, auch organisationsübergreifenden und professionellen Austausch zu tun.

So wie sich Plattformen wie LinkedIn oder Messenger wie WhatsApp gerade entwickeln, ist es aus meiner Sicht alles andere als klar, dass wir uns auf diese Strukturen dauerhaft verlassen können.

Was passiert, wenn es neue Anweisungen oder Vorgaben der US-amerikanischen Regierung gibt? Was, wenn die Gesprächsmetadaten von WhatsApp genutzt würden, um den Austausch zwischen NGO zu tracken?

Diese und viele weitere Fragen sind für mich Grund genug, mich nach Alternativen umzusehen.

Im Messenger-Bereich ist Signal inzwischen eine valide Alternative und verbreitet sich, zumindest in der Zivilgesellschaft und im Sozialbereich, immer weiter.

Für die professionelle Vernetzung bin ich Fan - und Unterstützer - des reflecta.networks, das ich euch auf jeden Fall für einen ersten Blick empfehle.

👍 Handlungsempfehlung

Prüft, welche Plattformen, Netzwerke und Messenger aktuell für eure professionelle Vernetzung und den kollegialen und professionellen Austausch wichtig oder essenziell sind.

Wenn sich darunter Produkte von Meta oder anderen kommerziell ausgerichteten US-Unternehmen befinden: Macht euch auf die Suche nach Alternativen, die Verschlüsselung und Datenschutz hochhalten und/oder vom Geschäftsmodell her bewusst nicht auf eure Daten angewiesen sind.


💭 Reflexionsimpuls

"Wege entstehen dadurch, dass man sie geht."

Frank Kafka

Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen machen für mich eines deutlich: Wenn wir andere Wege und Alternativen wollen, müssen wir diese selbst schaffen und gehen. Die Zeit, auf Veränderung von anderen zu warten, ist endgültig vorbei. Lasst uns gemeinsam losgehen!


🔗 Linkempfehlungen

video preview
  • Martin vom Social Media Watchblog beleuchtet in 50-Minuten-Interview mit zwei Wissenschaftlern, welche Daten Social-Media-Plattformen eigentlich herausgeben und was wir über die dort zirkulierenden Daten wissen. Ein sehenswertes Video.
  • #SoSollWeb - Ein Plädoyer für ein besseres Internet. Die geschätzte Annette Schwindt hat unter dem Hashtag dazu aufgerufen, das Internet zu beschreiben, das ihr euch wünscht. Ich habe die Beiträge der Aktion bisher sehr interessiert gelesen und habe vor, noch einen eigenen Beitrag beizusteuern. Bis zum 31.03.2025 habt ihr dafür noch Zeit. Wenn ihr euch ein Bild machen und die lesenswerten Beiträge lesen wollt, werdet ihr hier fündig. #SoSollWeb
  • Die geschätzte Sabine Harnau hat zusammen mit ihrem Agenturkollegen den "Kompass für eure ethische Marketingstrategie" veröffentlicht. Auch wenn ich nicht alle Ansätze zu 100% mitgehe, ist die Sammlung eine hervorragende Ressource für alle, die Marketing ethisch und menschenfreundlich umsetzen wollen. Ihr findet die Texte auf ethischesmarketing.jetzt.

Digital braucht sozial

Herzlich willkommen! Mein Name ist Christian und in meinem Newsletter "Digital braucht sozial" teile ich meine Einschätzung aktueller Entwicklungen rund um digitale Kommunikation, generative KI und digitales Arbeiten mit dir. Immer mit dem Fokus auf soziale, zivilgesellschaftliche und gemeinnützige Organisationen.

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